27.07.2017
Rede von Thomas Drozda bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, als Minister für Kunst und Kultur heute hier in Salzburg zu Ihnen zu sprechen. Die Salzburger Festspiele sind, ich sage das ganz ohne Übertreibung, ein Superlativ. Sie sind das bedeutendste, bekannteste und bemerkenswerteste Festival der klassischen Musik und der darstellenden Kunst! Die Festspiele sind jetzt bald 100 Jahre alt und doch strotzen sie vor Vitalität. Dass dem so ist, verdanken wir zahlreichen guten Geistern vor und hinter den Kulissen. Es ist unmöglich, allen zu danken. Deshalb bitte ich das Direktorium, bestehend aus Frau Präsidentin Helga Rabl-Stadler, quasi "Außenministerin der Festspiele", dem kaufmännischen Direktor Lukas Crepaz und – neu im Triumvirat – Herrn Intendant Markus Hinterhäuser, meinen Dank stellvertretend für die Vielen entgegenzunehmen. Deine Intendanz, lieber Markus, ist ein außerordentliches Glück für die Festspiele. Ich bin sicher, dass dir gelingt, was du kürzlich in einem Zeitungsinterview auf den Punkt gebracht hast: "Vitalität im künstlerischen, reflektiven, intellektuellen Sinne". Dein Zugang ist heuer ja bereits Wirklichkeit geworden.

Das zeigt sich am besonderen Interesse der Salzburger Festspiele 2017 für das Zusammenspiel von Kunst und Gesellschaft. Besonders das Thema der Macht steht dabei im Fokus. Alle gezeigten Opern können als künstlerische Meditationen über die Macht betrachtet werden. Aber auch jenseits der Opernbühne, im Schauspiel, beispielsweise im naturalistischen Drama "Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann oder Frank Wedekinds "Lulu", werden Fragen der Macht verhandelt. Was ist Macht? Diese Frage begleitet uns Menschen, seit wir angefangen haben, über uns nachzudenken. Mit der Macht stehen die Grundtatsachen des menschlichen Zusammenlebens auf dem Prüfstand. Macht wird meist in einem Atemzug mit Gewalt genannt. So wundert es auch nicht, dass wir mittels Gewaltenteilung dem Machtmissbrauch Einhalt gebieten. Und obwohl die Staatsgewalt in Demokratien vom Volk ausgeht, stehen die Menschen der Macht von Politikerinnen und Politikern skeptisch gegenüber. Doch das Wesen der Macht ist in unserer gegenwärtigen Gesellschaft schwer zu bestimmen. Michel Foucault hat in seinen Werken versucht, den Schleier der Macht zu lüften. Sie zeichnet sich in der Moderne durch Unsichtbarkeit und Ortlosigkeit aus. Ich zitiere: "Die Macht ist der Name, den man einer komplexen Situation in einer Gesellschaft gibt." Mit anderen Worten: Macht herrscht aus dieser Perspektive betrachtet überall und nirgends, sie wirft ein Netz über die Gesellschaft. In dieses Netz sind wir alle ausnahmslos verstrickt.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe den Eindruck, dass sich die Macht gerade wandelt, eine Metamorphose durchläuft. Nein, ich meine damit nicht die Neuwahlen.

Vielmehr bin ich der Überzeugung, dass wir in einem Zeitalter wirklich großer Veränderung leben. Eine vierte industrielle Revolution, die Digitalisierung, wirft ihre Schatten längst in die Gegenwart! Seit dem Geburtsjahr des Smartphones leben wir in einer neuen von Robotik und Big Data geprägten Moderne. Das hat die Machtverhältnisse bereits verändert und wird sie weiter verschieben. Roboter und künstliche Intelligenz übernehmen Arbeitsplätze und ersetzen Arbeiterinnen und Arbeiter. Mittels Datenspuren und algorithmischer Optimierung gewinnen die großen Internetkonzerne zusehends Macht über unser Handeln. Die Macht zwischen Mensch und Maschine verschiebt sich zunehmend Richtung Letztgenannter. Verstehen Sie mich nicht falsch, werte Zuhörerinnen und Zuhörer! Die digitale Moderne muss keinesfalls eine Dystopie sein. Es liegt an uns, die Kraft eines neuen, digitalen Humanismus heraufzubeschwören. Ich bin überzeugt, wir können uns als eine prosperierende, lebenswerte und soziale Gesellschaft weiterentwickeln.

Am Weg dahin gilt es jedoch zu überlegen, wie wir den Menschen im digitalen Zeitalter stärken. Ein Leuchtturm, ein Wegweiser dabei wird die Kunst sein! Die analogen Welten des Theaters, der Oper, des Konzertes und der Ausstellungen sind Orte der Herzensbildung. Sie geben darüber Auskunft, wie leidenschaftlich, wie beherzt der Mensch zu sein vermag – und zeigen, was uns von Maschinen unterscheidet. Kunst ist eine vermittelte Weltbeziehung. Die Kunst kann der Entfremdung des digitalen Zeitalters entgegenwirken. Sie ermöglicht uns Resonanzerfahrungen. Diese Resonanz – so der Soziologe und Philosoph Hartmut Rosa – bringt etwas in uns zum Schwingen. Diese Sehnsucht findet sich in allen Menschen, weil wir soziale Geschöpfe sind. Erfüllt sich diese Sehnsucht nach Resonanz, dann führen wir ein gelingendes Leben. Kunst kann unsere Grundsehnsucht nach einer Welt, die uns antwortet, stillen!

Kunst ist eine Schlüsseldisziplin des digitalen Zeitalters. Sie verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft und nimmt das Verhältnis von Mensch und Technologie kritisch in den Blick. Ich bin davon überzeugt, dass Kunst- und Kulturschaffende einen wesentlichen Beitrag zu den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit liefern können. Zu Theodor W. Adornos Zeit galt: "Aufgabe von Kunst ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen." Heute hoffen wir auf Orientierung angesichts der Komplexität. Diese Orientierung ist keine faustgrobe Antwort, sondern sie ist Teil dessen, was Kunst so gut kann. Was kann denn Kunst?

Sie kann uns erfreuen, begeistern, berühren und beschämen. Vor allem aber kann sie uns zum Nachdenken anregen!

Sehr geehrte Damen und Herren, als ich vor einem Jahr bei den Salzburger Festspielen sprechen durfte, habe ich drei bedeutsame Aspekte der Kunst- und Kulturpolitik besonders hervorgehoben.
Die Freiheit der Kunst, die staatliche Verantwortung für ihre Förderung und die Kunstvermittlung. In Bezug auf alle drei bin ich mit meiner Leistungsbilanz durchaus zufrieden. Die Republik hat 13 Millionen Euro mehr in die Kulturpolitik investiert. Damit haben wir nicht nur, aber mit besonderem Bedacht, jungen Künstlerinnen und Künstlern unter die Arme gegriffen. Ich bin überzeugt, dass es Spitzenkunst nur mit einer breiten künstlerischen Basis geben kann. Und erlauben Sie mir den kleinen Schwenk: Ich denke, das gilt auch für andere Bereiche, beispielsweise unser Bildungssystem. Den Nachwuchs mit den Mitteln unseres umverteilenden Sozialstaates zu unterstützen, ist gut und richtig. Der Sozialstaat ist eine herausragende kulturelle Leistung.

Er dient der sozialen Friedenssicherung, gibt den Menschen die Freiheit, eigenen Entwürfen des guten Lebens zu folgen und mildert Risiken ab. Man muss von Horneck in "König Ottokars Glück und Ende" nicht in allem, was er über Österreich sagt, zustimmen. Einem Satz aber bin ich zugeneigt: "Es ist ein gutes Land." Das wird in den aktuellen Diskussionen oft unter den Tisch gekehrt: Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Auftragsbücher von Unternehmen füllen sich und die Lebensqualität vieler Menschen in unserem Land ist gut. Der Sozialstaat ist keine fesselnde, sondern eine befreiende Kraft. Werte Zuhörerinnen und Zuhörer, mit guten Gründen verstehen wir Österreich als Land der Kunst und Kultur.

Künstlerinnen und Künstler tragen mit ihren Werken und Projekten wesentlich zur hohen Lebensqualität, zur Weltoffenheit und Attraktivität unseres Landes bei. Gerade die Salzburger Festspiele sind ein wunderbares Beispiel dafür.

Sehr geehrte Damen und Herren, erleben Sie die Kraft der Resonanz und genießen Sie die Salzburger Festspiele!