28.07.2017
Karl Ove Knausgård: Dankrede aus Anlass der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literatur 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist für mich eine große Ehre, den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur in Empfang zu nehmen.

Es ist zudem ein überwältigendes Gefühl, denn wenn ich mir die Liste der früheren Preisträger anschaue, finde ich darauf nicht nur Schriftsteller, die ich bewundere, sondern auch Autoren, die mich als Mensch verändert haben, nicht nur als Schriftsteller. So etwa Marguerite Duras, Milan Kundera, Salman Rushdie, Doris Lessing, Umberto Eco, Inger Christensen und Italo Calvino, um nur einige zu nennen, die mir nahestanden und -stehen. Es sagt einiges über die Kraft dieser Autoren und ihrer Werke aus, dass man lediglich ihren Namen nennen muss, um eine Welt und eine Weltanschauung zum Leben zu erwecken, zum Beispiel Duras’ schlichte, rätselhafte und traumartige Textgewebe, die durchdrungen sind von Begierde und Schicksal, Rushdies explosive und lebensbejahende Komplexität, Calvinos immense Sensibilität für alternative Möglichkeiten der Wirklichkeit, Christensens Begegnungen zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen. Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Liste früherer Preisträger ist gleichwohl, wie unterschiedlich ihre Literatur ist. Wenn man sich einen vollkommen naiven Leser vorstellen könnte, der nichts von der Welt wüsste und zunächst Duras, danach Kundera, Rushdie, Lessing, Eco, Christensen und Calvino läse, wäre es ihm nahezu unmöglich, sich vorzustellen, dass deren Bücher in derselben Wirklichkeit spielen, dass sie aus ein- und derselben Welt stammen.

Da Literatur Sprache und Sprache Kommunikation ist, sollte man meinen, die Literatur würde sich dem zuwenden, was gleich ist, dem, was allen gemeinsam ist, und dass daraus der Sinn und die Bedeutung der Literatur erwüchse. Jeder Leser weiß, dass es sich umgekehrt verhält, dass die Literatur, die sich vom Allgemeinen abwendet, bedeutungsvoll und sinnstiftend ist. In meinem Leben als lesender und schreibender Mensch habe ich dies anhand der Werke zweier Autoren erkannt und begriffen, die beide, erstaunlicherweise, Österreicher sind. Ich meine die Bücher Thomas Bernhards und die Bücher Peter Handkes. In meinen Augen haben die Werke der beiden dazu beigetragen, die Literatur der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu definieren, so wie Herman Broch und Robert Musil dazu beitrugen, die Literatur der ersten Hälfte zu definieren. Dass ich diesen Preis als überwältigende Ehre empfinde, ist somit auch der Tatsache geschuldet, dass es eine österreichische Ehrung ist, denn wie Sie bereits erkannt haben dürften: in meinem Kanon ist Österreich eine literarische Großmacht. Anders kann ich ein Land nicht bezeichnen, aus dem Autoren wie Sigmund Freud, Robert Musil Herman Broch, Georg Trakl, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard und Peter Handke stammen. Dass viele dieser Schriftsteller ein kompliziertes Verhältnis zu ihrem Heimatland hatten und dass ein Autor wie Thomas Bernhard es sicher gehasst hätte, in einem Satz genannt zu werden, der gleichzeitig Österreich als literarische Großmacht hervorhebt, ist ebenso unbestreitbar wie interessant. Es ist nämlich völlig unmöglich, sich Thomas Bernhard nicht als österreichischen Schriftsteller vorzustellen. Es ist unmöglich, sich Thomas Bernhard als einen britischen oder isländischen oder türkischen Literaten vorzustellen. Gerade weil Thomas Bernhard in meinem Kopf der archetypische österreichische Schriftsteller ist, habe ich erneut zu seinen Büchern gegriffen, als ich erfuhr, dass mir der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur zuerkannt worden war.

Als ich Anfang der neunziger Jahre mit wenig mehr als zwanzig Jahren Schriftsteller werden wollte und aus Verzweiflung über meine Unfähigkeit fast gebrochen in meiner Studentenbude in Bergen hockte und schrieb, rollte eine Thomas Bernhard-Welle durch das literarische Leben Norwegens. Alle lasen Bernhard, es gab zu jener Zeit kaum einen wichtigeren Autor als ihn, und es wurden zahlreiche Romanen geschrieben, die eindeutige Bernhard-Elemente enthielten. Ich weiß noch gut, wie es war, als ich selbst erstmals einen seiner Romane las, es handelte sich dabei um Holzfällen. Eine Erregung, und ich saß in einem Zug zwischen Oslo und Bergen, es war Herbst, die Farben vor den Zugfenstern waren leuchtend gelb, blassgrün und der Himmel war klarblau, und ich war hypnotisiert von Bernhards Prosa, von ihrem Rhythmus, den die Räder, die unter mir gegen die Eisenbahnschwellen schlugen, akzentuierten. Ich erinnere mich, dass ich die Augen schloss und versuchte, eigene Sätze im selben Rhythmus zu formen. Wie leicht es ist, dachte ich, und jubelte innerlich, wie leicht es doch ist zu schreiben. Wenn ich mich nur daran erinnere, wenn ich mich nur an diesen Rhythmus erinnere, so dachte ich, dann wird sich alles öffnen. Und ich erinnerte mich an den Rhythmus, mit ihm im Blut setzte ich mich hin, um zu schreiben, aber was ich schrieb, war blutleer und so mechanisch wie das Du-dunk, Du-dunk, D-dunk der Zugräder. So erging es allen jungen norwegischen Autoren, die wie Thomas Bernhard schrieben, selbst jenen, die es präzise taten: Die Text gerieten leblos, und sie klangen falsch.

Warum klangen sie falsch? Natürlich weil Thomas Bernhards Schrift in einem so außerordentlich hohem Maße mit ihrem Autor verbunden ist, das Subjektive und zutiefst Persönliche durchdringt sie auf allen Ebenen, die Satzstrukturen sind genauso persönlich wie die Bedeutungen, die sie zum Ausdruck bringen, und sie lassen sich deshalb außerhalb dieses Zusammenhangs nicht verwenden. Wenn ich das Wort persönlich wähle, meine ich es im Sinne von "eigen", das Individuum als eine partikulare Größe, die kleinste Einheit der Gesellschaft, und nicht persönlich im Sinne von intim, nicht subjektiv im Sinne von introspektiv. Es erscheint sinnvoll, Thomas Bernhards "Ich" als die Etablierung eines Ortes zu verstehen, an dem verschiedene Kräfte und Strömungen in Gesellschaft, Kultur und Geschichte enthüllt und zugleich bekämpft werden, denn in dem Moment, in dem diese anerkannt werden, wird der Ort zu einem Teil dieser Kräfte und Strömungen werden und damit aufhören zu existieren. Das Störrische, das Widerborstige, das Widerspenstige und Oppositionelle, die Beschimpfungen, die übertriebenen Karikaturen und alle Negationen sind so gesehen konstruktive Größen, denn sie erschaffen einen Ort außerhalb des Orts, ein Ich außerhalb des Ichs, ein Land außerhalb des Landes, eine Sprache außerhalb der Sprache. Alle Bücher Bernhards sind loyal zu diesem Ort, sie verlassen ihn nie, um in größere oder breitere Strukturen oder Erzählungen überzugehen, sie sind allesamt Monologe, und sie sind alle weltabweisend. Als ich sie nun nochmals las, fiel mir etwas ein, was Walter Benjamin seinerzeit über Kafkas Beziehung zum Mythos schrieb: "Wissen wir aber eins, so ist es dies: daß Kafka seiner Lockung nicht gefolgt ist." Bernhard gab weder den Verlockungen der Erzählung noch der Versöhnung jemals nach, er war kompromisslos und nicht korrumpierbar, und dadurch befand er sich immer näher am Kern der Literatur, der dieses Ortes Stimme ist. Wenn ich seine Bücher lese, ist es, als sei keine andere Stimme möglich gewesen als diese, als seien alle anderen Wege versperrt gewesen, so dass es nur dort, auf diese Weise und in dieser Form, möglich schien, wahrhaftig zu sein. Die Kraft in seinen Büchern ist ja auch die Kraft des Eingeschlossenen, und in Auslöschung. Ein Zerfall, seinem letzten und größten Roman, ist die Intensität so hoch, dass sie schließlich in eine Art weißes und brennendes Licht übergeht, kalt und schrecklich wie der Tod, von dem das Buch handelt..

Peter Handkes Werk ist ebenso eigenwillig und kompromisslos wie das von Bernhard, aber darin, im standhaften Widerstand gegen alles Generelle und Übergreifende, erschöpfen sich die Ähnlichkeiten, denn Handke sucht in einem ganz anderen Maße Komplexität und ist außerdem durchaus bereit, die Welt außerhalb des Selbst hervortreten zu lassen; ja, häufig ist dies das Wesentliche. Eine zentrale Rolle in vielen seiner Werke spielt die ambivalente Rolle der Sprache, ihre verräterische Doppeldeutigkeit – die Welt wird durch Sprache erschaffen und wir mit ihr verbunden, gleichzeitig hält die Sprache uns jedoch auch auf Distanz zu ihr. Sprache ist einerseits Zwang, ein gewaltiges Einordnungs- und Sozialisierungssystem, von dem das Individuelle ausradiert wird, andererseits können wir jedoch nur durch sie Individualität ausdrücken. Handkes Bücher wissen außerdem, dass die Sprache Hierarchie bedeutet, dass die literarische Form Hierarchie bedeutet, und dass diese Hierarchie willkürlich ist, will sagen, dass sie Werte ausdrückt, die wir als allgemeingültig wahrnehmen, die es jedoch nicht sind. Deshalb beschreiben seine Texte oft das, was sich dazwischen befindet, was weder das Eine noch das Andere ist, sondern erst in der Schrift als etwas Eigenes entsteht. Bei Handkes Büchern hat man das Gefühl, dass sie ebenso sehr eine Antwort darauf sind, was nicht gesagt werden kann – dass dies ihre Grundlage ist – wie eine Antwort auf das, was gesagt wird. Dies gilt insbesondere für das Buch über den Selbstmord seiner Mutter, Wunschloses Unglück von 1972, das einen Höhepunkt in der europäischen Nachkriegsliteratur markiert und in dem der Repräsentation der Wirklichkeit kein Platz zugestanden wird. Statt das Leben der Mutter zu gestalten, bezieht Handke sich darauf als etwas, was außerhalb des Textes existiert, aber niemals im Text. Das wahrt ihre Würde und Integrität, aber dadurch geschieht auch etwas im Text; wenn ein Mensch durch das Soziale, durch die Kultur und den Blick und das Selbstverständnis der Gegenwart, durch deren Rollen und Grenzen beschrieben wird, dann verschwindet sein inneres Wesen, seine eigene, individuelle, besondere Existenz, das, was früher Seele hieß, und ich denke, vielleicht erzählt Handkes Buch ja auch davon, von der Unterdrückung des Individuellen durch das Soziale, von der Erstickung der Seele.

Wenn das Schreiben von Literatur heißt, sich abzuwenden von den übergeordneten Zusammenhängen und von der Wahrheit über die Welt, wie sie uns überliefert wird, bedeutet das Schreiben von Literatur auch immer, sich etwas zuzuwenden. Dieses Etwas, das wir den Leser nennen, ist ebenfalls eine partikulare Größe, denn wir lesen Bücher als Einzelne, wir lesen sie immer allein, und was dann geschieht, ist, dass wir uns des Fremden bemächtigen, es für eine Weile zu unserem Eigenen machen, und in diesem Licht des Fremden werden daraufhin Teile von uns selbst sichtbar, die wir sonst nie hätten sehen können. Vieles lässt sich über die sechs Bücher sagen, die ich über mich selbst und mein Leben geschrieben habe, unter anderem, dass ich vielen Verlockungen der Literatur nachgegeben habe, aber eins ist sicher: ohne Schriftsteller wie Duras, Kundera, Rushdie, Lessing, Eco, Christensen, Calvino, Bachmann, Bernhard und Handke hätten sie niemals geschrieben werden können. Die Literatur formt uns nicht, aber sie gibt dem in uns und in unserer Welt eine Sprache, was ansonsten sprachlos und für uns unsichtbar geblieben wäre. Wenn das Leben wie ein Gang ist, sind die Bücher wie Fenster, die uns bei zunehmender Dunkelheit zu Spiegeln werden.

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

Benutzte Literatur

Benjamin, Walter: Aufsätze, Essays, Vorträge. Gesammelte Schriften, Band II, 2. Frankfurt am Main 1977, S. 415.